Dienstag, 28. Mai 2013

DIE DA KOMMEN - Liz Jensen

Quelle dtv


Inhalt


Es beginnt mit einem grausamen Mord von einem kleinen Mädchen, das seine Großmutter regelrecht abschlachtet. Ein Einzelfall? Keineswegs. Während Hesketh Lock die mordenden Kinder in den Nachrichten verfolgt, ermittelt er selbst in sonderbaren Fällen. Ein Mann sabotiert seine Firma ohne erkennbares Motiv und begeht danach aus lauter Schuldgefühlen Selbstmord. Vorher erzählt er Hesketh von den bösen Geistern seiner Ahnen, die ihn dazu getrieben haben, die in ihn hineingekrochen sind. Andere berichten von Trollkindern, von Geister, von Kreaturen. Überall auf der Welt töten Kinder ihre Familien und sabotieren Arbeiter ihre Firmen, bevor sie sich in den Selbstmord stürzen - und oftmals bleiben kindliche Abschiedsbriefe und Abdrücke zurück...


Meine Meinung


Allgemein


Die da kommen wurde mir von dtv in einem interessanten Brief vorgestellt und kurz darauf hielt ich es auch schon in der Hand. Von außen betrachtet wirkt es wie ein blutiger, spannender, nervenaufreibender Thriller über Kinder, die sich plötzlich in Monster verwandeln. Der Klappentext verspricht etwas ähnliches. Das Buch selbst ist jedoch etwas ganz anderes.

Figuren

Erzählt wird Die da kommen aus der Ich-Perspektive des an Asperger-Syndrom leidenden Anthropologen Hesketh Lock. Man merkt schnell, dass er anders ist und auch seine Art zu erzählen. Er kann sich nicht richtig konzentrieren, hat Schwierigkeiten mit seinem Fokus und kann mit Emotionen - seien es fremde oder seine eigenen - nicht umgehen. Wann immer er unsicher wird oder denkt, er müsse emotional (re-)agieren, bastelt er Origmai-Figuren. Er hat immer Papier dabei und hat für jede Situation eine andere Figur. Wenn basteln unangebracht ist und er sich im Dialog mit jemandem befindet, bastelt er die Figuren im Kopf. Der Charakter und seine sozialen Schwierigkeiten sind außerordentlich gut dargestellt, man kann ihn sich gut vorstellen und versteht auch, dass er so handelt wie er handelt, weil er nicht anders kann. Das macht Hesketh dem Leser aber nicht wirklich zugänglicher. Es ist nicht einfach, ihn zu mögen, man möchte ich schütteln und anschreien, aber er kann einfach nicht aus seiner Haut. Was mir auch gefehlt hat war - ebenfalls durch den Protagonisten bedingt - emotionale Spannung, die einfach nicht aufkommen kann, wenn ein Mensch nicht zu Emotionen fähig ist. So gleichgültig, wie Hesketh das Geschehen analysiert, so gleichgültig nimmt auch der Leser alles in sich auf.

Sein Stiefsohn Freddy K. ist ein fröhlicher, aufgeweckter Junge, der sich in eine unberechenbare Zeitbombe verwandelt, als die Pandemie auch ihn erreicht. Man weiß nicht mehr, wann er noch Freddy K ist und wann das andere aus ihm spricht.

Die anderen Figuren wie Heskeths Exfrau Kaitlin bleiben leider etwas blass und mir fehlt es an einem Sympathieträger. Ich mochte eigentlich keine der Figuren.

Plot

Mit dem Plot hatte ich anfangs große Schwierigkeiten. Ich empfand die Geschichte als sehr schwer zugänglich und durch die ersten 60 Seiten musste ich mich wirklich durchbeißen. Es besteht einfach kein ersichtlicher Zusammenhang zwischen den einzelnen, wirklich kurzen Abschnitten, in denen Hesketh vor sich hin philosophiert. Es dauert sehr lange, bis ersichtlich wird, worum es in der Geschichte überhaupt geht und über die Hälfte des Buches spielen die Kinder nur eine untergeordnete Rolle: sie werden eigentlich nur in den Nachrichten erwähnt und dann auch nur mit einem Satz, wen sie wie ermordet haben. Die "richtige" Geschichte - so empfand ich es - beginnt erst um Seite 180 (über die Hälfte des Buches). Erst ab da spielen die Kinder eine entscheidende Rolle und der Erzählstrang um die Saboteure und Kinder wird zusammengeführt. Hesketh und Freddy K sind nun auch mitten im Geschehen. Der weitere Verlauf bemüht sich um Horror-Elemente, kann diese aber nicht richtig verarbeiten. Für mich war es auch nicht der Thriller, den ich erwartet habe. Typische Thriller-Elemente sind zwar im Ansatz vorhanden, so richtiger Nervenkitzel kommt aber nicht auf. Es ist kein Mystery und auch kein Horror. Ich würde es nicht einmal als Dystopie bezeichnen, schließlich spielt es im Jetzt.
Wenn ich ein Genre wählen müsste, würde ich sagen: philosophischer, gesellschaftskritischer Öko-Thriller.

Es ist keine leichte Kost und gewiss kein Buch für Zwischendurch. Wenn man weiß, auf was man sich einlässt, ist es spannend und interessant und regt auch zum Nachdenken an. Ich finde aber, dass Cover und Klappentext eine ganz andere Geschichte suggerieren, was bei vielen Lesern zu Enttäuschung führt/ führen kann. Denn auch wenn die Geschichte gut ist, wurde die Erwartungen, die zuvor geweckt wurden, nicht erfüllt.

Das einzige, was mir am Plot nicht gefallen hat, war die Auflösung. Die war leider so vorhersehbar, weil diese Art Geschichte im Moment einfach In ist. Ich hätte mir etwas Originelleres gewünscht, oder, wenn es schon dieses Ende sein muss, mehr Erklärungen. Für meinen Geschmack wurde einfach zu wenig erklärt und am Ende bleibt ein großes Fragezeichen.

Sprache

Mit der Sprache war es etwas ähnlich wie mit dem Plot: anfangs schwer zugänglich, aber sobald man sich an Heskeths Art zu erzählen gewöhnt hat, war sie sehr passend. Nicht flüssig und nicht immer leicht zu lesen, aber authentisch. Ich denke, eine andere Sprache hätte nicht zu diesem Ich-Erzähler gepasst. Allerdings bin ich neugierig, ob die Geschichte mit Stephanie als Ich-Erzählerin eher das Buch geworden wäre, das ich mir vorgestellt habe (also Horror), oder nicht.

Fazit

Ein philosophisch und anthropologisch angehauchter, gesellschaftskritischer Öko-Thriller mit einigen Start-Schwierigkeiten und einem nicht einfachen, aber interessanten Protagonisten.

4 von 5 Punkten

Cover 1 Punkt, Idee 1 Punkt, Plot 1/2 Punkt, Sprache 1/2 Punkt, Figuren 1 Punkt

~*~ dtv ~*~ 320 Seiten ~*~ ISBN: 978-3423249607 ~*~ Broschiert ~*~ 14,90€ ~*~ 1. Juni 2013 ~*~ 


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