Donnerstag, 15. August 2013

DIE AUSLESE - Joelle Charbonneau

Quelle Penhaligon
 
 

Seit Cia denken kann, hat sie nur ein Ziel: in der Schule zu den besten zu gehören und am Ende hoffentlich zur Auslese zugelassen zu werden. Nur die Besten der Besten bekommen eine Chance auf einen Studienplatz an der einzigen Universität des Vereinten Commonwealth. Als sie tatsächlich zugelassen wird, ist sie überglücklich. Doch diese anfängliche Freude verfliegt schnell, denn nicht nur ihr Vater warnt sie, dass sie im Ausbildungslager niemandem trauen darf. Wirklich niemandem. Cia ist hin- und hergerissen zwischen ihre Gefühlen und ihrer Vernunft, selbst dann noch, als der erste Teilnehmer stirbt. Ist die Auslese wirklich, was sie zu sein scheint, oder steckt mehr hinter dem knallharten Prüfungsverfahren? Was geschieht mit denen, die durchfallen? Und wer wird am Ende noch übrig sein?




 

 

Seit einiger Zeit schon sind Dystopien mir das liebste Genre. Als ich Die Auslese beim Stöbern im Internet entdeckte, haben mich das ausdrucksstarke Cover und der vielversprechende Klappentext angezogen. Und dennoch dachte ich mir: Ist es bei der Fülle an Dystopien, die es mittlerweile auf dem Markt gibt, überhaupt noch möglich, unverbrauchte, innovative Ideen zu finden, die gleichzeitig schockieren und begeistern? Schon nach einer Handvoll Seiten wurde mir klar: Ja, ist es.






Protagonistin ist die Ich-Erzählerin Malencia „Cia“ Vale, ein kluges und selbstloses Mädchen aus der kleinsten Kolonie des Vereinten Commonwealth: Five Lakes. Schon ihr Vater ist Teilnehmer der Auslese gewesen und genau er ist es, der Cia eindringlich warnt: Vertraue niemandem, denn die Auslese ist nicht das, was die Regierung den Teilnehmern weißmachen will. Cia ist hin- und hergerissen zwischen ihrem Willen, an das Gute im Menschen zu glauben und der Warnung ihres Vaters. Sie ist eine Kämpferin und selbst, wenn ihre Situation aussichtslos erscheint, gibt sie nicht auf. Sie bewahrt ihren Mut und ihre Menschlichkeit und genau das ist es, was sie in dieser Welt zu einer Heldin macht. Und obwohl sie sich bemüht, alle Probleme und Gefahren zu meistern, wirkt sie nie übermenschlich oder unnatürlich tough, denn der Leser spürt mehr als deutlich, wie das Erlebte an ihr zerrt und sie zu erdrücken versucht und mehr als einmal fragt man sich: Gibt sie nun auf?
Ihr Klassenkamerad Tomas ist ebenfalls um Menschlichkeit bemüht, doch man sieht ihm an, dass es ihm schwerer fällt als seiner Freundin. Er weiß in gefährlichen Situationen nicht so überlegt vorzugehen wie sie. Wie Cia weiß auch der Leser bis zur letzten Seite – und darüber hinaus – nicht, zu was er fähig ist und ob er wirklich der ist, der er vorgibt zu sein. Hat Mitstreiter Will sie ehrlich gewarnt oder hat er nur versucht, Zwietracht zu säen?
Was mir an Die Auslese so gut gefällt, ist die Unberechenbarkeit der Figuren. Niemand weiß, wer was als nächstes tut, niemand – weder Cia noch der Leser – weiß, wer ein Verräter, wer ein Freund, wer ein Feind ist. Niemand weiß, wer überlebt und wer stirbt – und durch wessen Hand. Und bei all dem Grauen, das die Figuren erleben, bleiben ihre Gefühle authentisch und zum Greifen nahe. Mehr als einmal hatte ich mit den Tränen zu kämpfen, weil ich so sehr mit Cia gelitten habe, und es ist mir nicht immer gelungen, sie zurückzuhalten.
 
Angesiedelt ist die Geschichte in unbestimmter Zeit in der Zukunft. Die sieben Stadien eines verheerenden Krieges liegen hinter der Welt und die Menschheit wurde beinahe vollständig ausgerottet. Das meiste Land, das übrig geblieben ist, wurde verseucht, die Menschen und Tiere, die sich draußen aufgehalten haben, sind zu schrecklichen Monstern mutiert. Das Bestreben der Menschen liegt darin, Wasser wieder trinkbar und den Boden wieder fruchtbar zu machen. Zu diesem Zweck wurde die Auslese geschaffen: die 20 besten Schülerinnen und Schüler des Vereinten Commonwealth werden an der Universität zugelassen, um das Land bestmöglich verbessern zu können.
Obwohl man sich das ein oder andere denken kann, das passieren wird – schließlich ist Cia die Protagonistin und wenn bestimmte Dinge nicht geschehen würden, gäbe es die Geschichte nicht – hat der Plot unglaublich viele überraschende und schockierende Wendungen parat. Bis zur letzten Seite ist nicht klar, was genau mit den Figuren geschehen wird, wer die Auslese überleben wird und wer nicht, wer zum Mörder wird und wer nicht.
Die vier Prüfungsvorgänge sind ausführlich und in all ihrer Grausamkeit beschrieben, die meiste Aufmerksamkeit bekommt jedoch der vierte Vorgang, in dem die Testkandidaten in der Wildnis ausgesetzt werden und sich einen Weg zurück nach Tosu-Stadt (der Hauptstadt des Vereinten Commonwealth) bahnen müssen. Und obwohl dieser Abschnitt der Spannendste im ganzen Buch ist, sind auch die anderen Aufgaben alles andere als langweilig und unterstützen die düstere Atmosphäre.
Und wer die letzte Seite im Buch gelesen hat, wird sie vermutlich – wie ich – ungläubig vor- und zurückblättern, während er versucht zu begreifen, dass dies (vorerst) wirklich die letzte Seite ist. Mich hat die Geschichte sprachlos zurückgelassen und ich war entsetzte, als ich gesehen habe, dass Band 2 erst im Januar 2014 im englischen Original erscheinen wird.


Der Sprachstil ist sehr angenehm zu lesen, er kann sowohl die romantischen, schönen Passagen unterstreichen, wie auch die Grausamkeit des Landes und die Schrecken der Auslese wiedergeben. Wer einen empfindlichen Magen hat, sollte die eine oder andere Stelle überfliegen, denn auch die blutigen Passagen – wovon es einige gibt – werden nicht gerade zimperlich behandelt. Nur manchmal fand ich die eine oder andere Wortwahl unglücklich gewählt. Begriffe wie „Festschmaus“ und „Schwein gehabt“ passen nicht so richtig in die Welt, die da beschrieben wird. Ansonsten hat mir die Sprache sehr gut gefallen.


Wer Dystopien wie Die Tribute von Panem, Die Auswahl und Selection mochte, der wird Die Auslese lieben. Er wird sie in einer Nacht verschlingen und am Ende gleichzeitig schockiert wie begeistert zurückbleiben und ungeduldig nach dem zweiten Band lechzen.
 


5 von 5 Punkten
 
 
 Cover 1 Punkt, Idee 1 Punkt, Plot 1 Punkt, Sprache 1 Punkt, Figuren 1 Punkt
 
 
~*~ Penhaligon ~*~ 415 Seiten ~*~ ISBN: 978-3-7645-3117-1 ~*~ Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag ~*~ 16,99€ ~*~ 26. August 2013 ~*~
 
 

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