Montag, 7. Oktober 2013

ONE ~ DIE EINZIGE CHANCE - Tobias Elsäßer

Quelle Sauerländer




Als Samuel Pinaz von Honkong nach Deutschland zurückkehrt, wusste er aus den Nachrichten, dass dort Unruhen toben. Entgegen der Warnungen seiner Eltern ist er eingereist, seinen Kater Badawi und einige wenige Habseligkeiten im Gepäck. Nie hätte Samuel gedacht, dass die Zustände so schlimm sein würden. Und nie hätte er gedacht, dass er plötzlich mitten unter den Verantwortlichen für das ganze Chaos leben würde...




One - Die einzige Chance ist ein Wirtschaftsthriller für junge Leser, der ein ins Chaos gestürztes Deutschland zeigt. 



Vor einiger Zeit hat Vincent Pinaz gemeinsam mit seinen Kollegen eine Simulation namens One entwickelt, die Wirtschaftsereignisse durchspielt. Sie haben das Programm allerdings nie eingesetzt. Heute gibt es in Deutschland eine Organisation, die aus eben diesem Programm ein Spiel gemacht hat. Ein Spiel, das ganz Deutschland ins Chaos stürzt. Erst fällt das Funknetz aus, dann der Strom, Flugverbindungen werden lahm gelegt, Banken auf gewisse Weise ausgeraubt und große Unternehmen in den Ruin getrieben. Ziel des Ganzen? Ein politischer und wirtschaftlicher Umsturz. 

Und in all dem Trubel landet Samuel, der gerade aus Honkong kommt und den das Heimweh nach Europa gepackt hat. Scheinbar zufällig trifft er auf Fabienne, die eben dieser Organisation angehört, und erfährt so, was wirklich gerade in Deutschland passiert. Zu allem Überfluss gibt es noch einen Killer, der all die Menschen umbringt, bei denen Samuel hätte unterkommen können. Zufall?
Irgendwann erkennt Samuel, dass auch sein Vater in Gefahr schwebt und dass der Killer es auch auf ihn abgesehen haben könnte. Für den Showdown beginnt eine Hetzjagd von Berlin nach Zürich. 

Der Plot war in Ordnung. Er hätte spannender sein können, da nicht wirklich viel passiert. Es wird viel geredet, erklärt, doziert und gestritten, überlegt, entschieden und wieder verworfen. Es gibt mehrere Ortswechsel und eine mehr oder weniger unbedeutende Flucht vor der Polizei. Der Autor hat sehr viel Wert darauf gelegt, seine Welt zu erklären. All die wirtschaftlichen Phänomene, das genaue Prinzip von One, was die Ziele sind, was vermeiden werden soll, worauf die Organisation wie hinarbeitet, was dafür nötig ist. Der eingebaute Killer ist ein Versuch, aus dem ganzen einen Thriller zu machen. Für junge Leser ist es eine tolle Einführung in die Wirtschaft und ich finde, dass der Killer gar nicht nötig gewesen wäre. Vielleicht hätte es ohne ihn sogar besser funktioniert. Ein bisschen hat mich die Grundidee an Stirb Langsam 4.0 erinnert, nur das Samuel Pinaz das genaue Gegenteil von Bruce Willis ist. 



ACHTUNG: Der Abschnitt FIGUREN enthält einen Spoiler, was Samuels Kater Badawi betrifft. Das musste einfach gesagt werden (Zweiter Absatz).

Es gibt mehrere Figuren, die diese Geschichte erzählen, den meisten Redeanteil hat aber wohl Samuel Pinaz. Er ist ein verwöhnter Bengel mit schwarzer Kreditkarte, der nur in den schicksten Hotels absteigt und das Leben in vollen Zügen genießt. Mit seinem Vater redet er kaum und die einzige Person, die er wirklich zu vermissen scheint, als er Honkong verlässt, ist seine Nanny Emilia. Nicht mal seiner fester Freundin Kata weint er hinterher. Sobald er auf Fabienne trifft, denkt er noch einmal kurz an sie und hat sie dann vergessen. 

Samuel hat das Leben in Honkong satt und will, mit einem Abstecher nach Deutschland, zu seiner Mutter nach London und von da aus eine Europatour starten. Während des gesamten Buches habe ich einfach keinen Draht zu ihm gefunden. Zumindest keinen guten. Er ist hoffnungslos naiv, hat keine Ahnung von nichts, hört nicht zu und trifft die falschen Entscheidungen. Am schlimmsten aber fand ich, wie er mit seinem Kater Badawi umgegangen ist. Er selbst bezeichnet sich als tierlieb und Badawi als seinen besten Freund. Ich bezeichne ihn als Tierquäler. Nicht im herkömmlichen Sinne, er foltert seinen Kater nicht absichtlich. Er versucht sogar, ihn zu beschützen. Aber auf die vollkommen falsche Art und Weise. Da ich selbst zwei Katzen habe, weiß ich, dass man so nicht mit Tieren umgeht. Und mit Katzen schon gar nicht. Allein schon, einen achtzehn Jahre alten Kater in seinen letzten Jahren aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen, ist unmenschlich. Ihn dann aber noch tagelang in einer Transportbox mitzuschleppen, ihn höchstens mal für fünf Minuten an der Leine nach draußen lässt, ihn wie einen alten Koffer ins Auto zu verfrachten, ihn Schüssen und Schlägereien auszusetzen, sich dann wundern, warum das Tier denn plötzlich so apathisch ist und nicht fressen und trinken will, nur um ihn am Ende qualvoll verenden zu lassen? Jemand wie Samuel liebt keine Tiere. Der behandelt sie wie Gebrauchsgegenstände, die man wegwerfen kann, sobald sie nichts mehr taugen, und die man ersetzen kann, weil man Daddys Geld hat.  Der Killer Kayan hat mehr Liebe für das ihm fremde Tier gezeigt als Samuel, der mit Badawi aufgewachsen ist. Solche Menschen, egal ob real oder fiktiv, kann ich nur verachten. Kurz gesagt: Samuel hat absolut keine Ahnung von Katzen, macht alles falsch und lässt seinen Kater im Stich, als es drauf ankommt. Wer so achtlos und verantwortungslos mit Tieren umgeht ist in meinen Augen ein sehr schlechter Mensch. 

Wie schon erwähnt, gibt es einen Killer namens Kayan. Er soll eine Reihe von wichtigen Personen umbringen, was wohl sein letzter Auftrag ist. Dummerweise lässt ihn ausgerechnet jetzt seine Lieblingspistole im Stich und er muss auf Messer umsteigen, was er persönlich viel zu hässlich und brutal findet. Am liebsten würde er den Job schmeißen und nach Hause zu seiner Frau fahren und gemeinsam mit ihr die Tanzaufführung seiner Tochter ansehen. Man erfährt nicht besonders viel über Kayan, aber er ist mir sympathisch geworden. So sympathisch, dass ich beinahe gehofft habe, dass er seinen Auftrag erfüllt und rein zufällig auch noch Samuel erwischt. Obwohl er ein Killer ist, wirkt er so aufrichtig, herzlich und nett. Ich mochte ihn lieber als Samuel und habe teilweise mehr mit ihm gefiebert als mit dem eigentlichen Protagonisten. 

Die dritte Figur, die eine größere Rolle spielt, ist Fabienne. Sie arbeitet für die Organisation, die in Deutschland alles lahm gelegt hat und trifft angeblich rein zufällig auf Samuel. Sie nimmt ihn mit in ihre Zentrale, stellt sie den anderen vor und versucht seitenlang, Samuel zu erklären, was die Beweggründe der Organisation sind. Was mich an ihr gestört hat, ist ihre belehrende Art. Sie redet mit Samuel, als sei sie eine Lehrerin und er ein dummer Schüler. Was in Samuels Fall auch stimmt und was er auch verdient hat. Was mich stört ist, dass ich als Leserin das gleiche Gefühl habe. Dieses dozierende Gehabe hat mich spätestens nach der Hälfte genervt. Ansonsten bleibt sie recht blass, obwohl sie sich facettenreich gibt, und ihr Geständnis am Ende kam für mich nicht wirklich überraschend. 




Ich glaube, junge Leser, die an Wirtschaft interessiert sind, werden ihre Freude mit dem Buch haben. Meinen Geschmack hat es leider nicht getroffen und mich haben einfach zu viele Dinge gestört.



3 von 5 Punkten

Cover 1 Punkt, Idee 1/2 Punkt, Plot 1/2 Punkt, Figuren 1/2 Punkt, Sprache 1/2 Punkt

~*~ Sauerländer ~*~ 389 Seiten ~*~ ISBN: 978-3-7373-6712-7 ~*~ Gebundene Ausgabe ~*~ 16,99€ ~*~ September 2013

1 Kommentar:

  1. Das Buch ist dann wohl nichts für mich - wenn ich die Hauptfigur nicht mag, ist für mich meist alles verloren, und die Hauptfigur hier klingt furchtbar.

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