Montag, 27. Oktober 2014

ANDERS - Andreas Steinhöfel

Quelle Königskinder / CARLSEN


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"Nach dem Unfall sind Zeit und Welt aus den Fugen. 263 Tage liegt der Winterjunge im Koma, exakt die Anzahl jener Tage, die seine Mutter vor elf Jahren mit ihm schwanger war. Dann erleben die Menschen um ihn herum ein Wunder: An einem prächtigen Sommertag kehrt Felix Winter zurück ins Leben. Und nennt sich von nun an anders, nämlich Anders. Er hat keinerlei Erinnerung mehr an die Zeit vor dem Unfall oder an den Unfall selbst … und es gibt jemanden, der alles dafür tun wird, dass das so bleibt."




Eigentlich war Felix Winter ein sehr aufmerksamer Junge, er war fröhlich und höflich und sehr anständig. Bis es eines Tages, an seinem Geburtstag einen dummen Unfall gab und er ins Koma fiel. 263 Tage später wacht er wieder auf und ist plötzlich anders. Nicht nur anders, er ist nun Anders. Er erinnert sich nicht daran, Felix zu sein, erinnert sich nicht an seine Familie, seine Freunde, seine Hobbys und Vorlieben. Er ist nicht mehr Felix Winter, also kann er sich auch nicht mehr so nennen. Er ist stiller geworden, doch die anderen Kinder scheinen ihn zu bewundern. Die Erwachsenen dagegen haben Angst vor ihm und dem, was er sagt. Über Farben und Auren und die Schmerzen anderer, die er wahrnehmen kann. 

Der Klappentext, vor allem der letzte Satz, lassen eine Art Thriller vermuten. Tatsächlich gibt es ein Verbrechen, das vertuscht werden soll, aber damit wird ganz anders umgegangen als in einem Thriller. Es ist vielmehr eine poetische, metaphorische, nachdenkliche Geschichte, die nicht unbedingt für junge Leser geeignet ist, obwohl der Protagonist noch sehr jung ist. Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig und auf Dauer anstrengend. Teilweise wirkt es wie gesprochene Sprache, als hätte jemand den Rede- und Erzählfluss eines anderen mitgeschrieben. Es ist nicht plump und mit "Ähs" durchzogen oder ungrammatisch, aber auf gewisse Weise unstrukturiert und chaotisch.  

Obwohl ich eine immer größere Distanz zu Protagonist Felix/Anders aufgebaut habe, berührt diese Geschichte. Auf ihre eigene verdrehte Art erzählt sie vom Zauber der Kindheit und überspitzt die kindliche Empathie, bis sie sich in etwas Unheimliches verwandelt. Sie spielt mit der Frage, wer wir sind, wenn unsere Erinnerungen verloren gehen, ob man sich dann verändert und wenn ja, wie weit? Was bleibt von einem übrig, wenn man sich nicht mehr daran erinnern kann, wer man einmal gewesen ist? Und was passiert, wenn man sich neu definiert hat und die alten Erinnerungen plötzlich zurückkommen? Wer ist man dann?

Diese tiefgründigeren Fragen verstecken sich hinter einer Geschichte von Dumme-Jungen-Streichen und unvorhersehbaren Konsequenzen. Wer wie ich die Frage beantwortet haben möchte, was denn nun wirklich in Anders vorging und woher seine Kräfte plötzlich rührten, der wird leider enttäuscht. Dieses Mysterium bleibt ein solches, aber vielleicht macht auch das den Reiz der Geschichte aus. 

Anders ist anders und das ist gut so. Andreas Steinhöfel konnte mich mit diesem Roman überzeugen, obwohl ich die Geschichte noch immer seltsam finde. 



3,5 von 5 Punkten

Cover 1 Punkt, Idee 1/2 Punkt, Plot 1 Punkt, Figuren 1/2 Punkt, Sprache 1/2 Punkt

~*~ Königskinder ~*~ 236 Seiten ~*~ ISBN: 978-3-551-56006-3 ~*~ Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag ~*~ 16,90€ ~*~ Oktober 2014 ~*~

1 Kommentar:

  1. hmm, ich bin ein Fan von "Rico und Oskar" von Steinhöfel, da schafft es der Autor nicht nur jung und alt mit anzusprechen, sondern ernste Themen wirklich lustig zu verpacken. Das hier klingt allerdings für mich wohl ein bisschen zu anders ;)

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