Montag, 12. September 2016

HOCHLAND - Steinar Bragi

Quelle DVA


Zum Buch


~*~ Ich gebe vorweg eine Warnung, dass ich auch auf einige inhaltliche Details eingehen werde, vor allem am Ende, was manch einer sicherlich als Spoiler betrachten wird. Wer sich keine Überraschung nehmen lassen möchte, liest diese Rezension besser nicht. ~*~ 


~*~*~*~*~*~*~*~ MEINE MEINUNG ~*~*~*~*~*~*~*~
 

Zwei in Reykjavík lebende Pärchen - Anna und Egill, Vigdís und Hrafn - und ein Hund wollen zusammen Urlaub im isländischen Hochland machen, um für eine Weile dem Alltag zu entfliehen. Doch mitten in der Sandwüste werden sie von Nebel überrascht, kommen von der Straße ab und krachen in eine Hauswand. Die Bewohner dieses Hauses, zwei ältere Menschen, nehmen sie bei sich auf, aber richtige Gastfreundschaft sieht anders aus. Das Erdgeschoss ist zugemauert, nachts werden die Türen verschlossen und man rät ihnen, im Dunkel nicht nach draußen zu gehen. Denn da lauert 'Etwas'. Klingt nach einer klassischen Horrogeschichte, oder?
Tja. Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Auf den ersten 250 Seiten dieses recht kurzen Thrillers passiert nicht viel bis gar nichts. Die vier Pärchen saufen und kiffen die meiste Zeit, ab und an haben sie mal Sex und wundern sich über ihre merkwürdigen Gastgeber. Ihr Auto hat einen Totalschaden, aber die Kühlbox im Kofferraum serviert auch nach zwei Tagen noch tiefgekühlte Pizza und auch der Alkoholvorrat hat scheinbar keinen Schaden genommen. Ist klar. 

"Doch wenn man genau hinhörte, konnte man ein leises Rauschen oder einen Ton ausmachen, etwas so Entscheidendes und Verzweifeltes, dass die Materie es offenbar nicht aufnehmen konnte, und die Sinnesorgane richteten sich auf die Ränder, wo dieses Etwas wie ein rauschender Fluss über die Klippe der Welt floss."
(Seite 298)

Nach und nach wird dann etwas aufgebaut, was wohl gruselige Spannung sein soll. Man erfährt, dass das Paar, bei dem sie aufgenommen wurde, vielleicht ein Inzestkind hatte, vielleicht auch nicht, das kommt danach nie wieder zur Sprache. Die vier 'jungen' Leute (Mitte bis Ende 30) haben keinen Handyempfang, die nächste Ortschaft ist meilenweit weg. Sie dürfen den Jeep des Pärchens nehmen, doch sie kommen nicht weit, weil sie auch mit diesem Auto eine Panne haben. Sie sitzen also mehr oder weniger fest, versuchen es aber zu Fuß. Jetzt wird es langsam skurill. Sie kommen zu einem Geisterdorf, das man nur über eine Hängebrücke erreicht. Dort ist alles voller Knochen - menschlich oder tierisch? Keine Ahnung - und in einem dieser Knochenhaufen steckt ein Foto von ihnen. Wie kommt das da hin? Das erfährt man nicht. Vermutlich sollen das die Horrorelemente sein. 

Die Stimmung unter den vieren wird immer schlechter, die Paare streiten sich und auf den letzten 50 Seiten etwa beschließen sie, sich zu trennen. Jetzt wird es richtig abgedreht. Ich will nicht noch weiter ins Detail gehen, um nicht den kompletten Plot nachzuerzählen, aber plötzlich geht es um abgetrennte Finger, herausgeschnittene Zungen, zerstochene Augen, gehäutete Hunde, Angelhaken im Hals, Füchse die wie Menschen aussehen, überraschende Sandstürme, zerstörte Brücken, im Dunkeln versteckte Knochen und Körperteile, in Brand gesteckte Menschen, Visionen, Lügen und die Frage danach, was Realität ist und was Einbildung. 

Und ja, es ist tatsächlich so unsinnig und verrückt wie das hier in der Aufzählung klingt und ja, es wurde alles auf die letzten 50 Seiten gequetscht. Die Figuren erzählen immer abwechselnd und gegen Ende brechen einige Erzählstränge dann einfach ab. Man erfährt eigentlich ziemlich wenig über die Gegenwart und dafür ziemlich viel langweiligen Kram über die Vergangenheit. Vergangenheitskram, von dem ich nicht das Gefühl hatte, dass er irgendwie wichtig für die Story ist, sondern nur noch deutlicher macht, wie kaputt die Figuren alle sind. 

Am Ende hat man nur das Gefühl, es plötzlich mit einem Finale á la Lost zu tun zu haben und bleibt mit einem dicken fetten Häh?! zurück. Einem Häh?! in dem Sinne, dass man gar nicht weiß, ob das tatsächlich alles passiert ist oder nichts davon. Wer Lost kennt, der sollte den Autounfall zu Beginn dieses Buches einfach mit dem Flugzeugabsturz zu Beginn der Serie vergleichen und weiß dann bestimmt, was ich meine, wenn ich sage: Das Ende ist - wie auch bei Lost - so verdammt unbefriedigend!

~*~ ACHUNG SPOILER ~*~

 Als die Erzählstränge dann nach und nach abbrechen fragt man sich: Heißt das, sie sind tot? Keine Ahnung, das erfärht man nicht. Genauso wenig wie man erfährt, wer den Hund gehäutet und wer Anna so zugerichtet und wer die Hängebrücke zerstört hat. Oder was mit Egill passiert ist. Oder was es mit den Füchsen auf sich hat oder der Sache mit dem Inzestkind. Oder den Fotos in den Knochenhaufen Die letzte Vision von Hrafn sagt eigentlich, dass niemand von ihnen diesen Autounfall zu Beginn überlebt hat (und das in sehr blutiger Deutlichkeit) und dass sie auch nicht in ein Haus gekracht sind, sondern in eine Felswand. Vigdís ist die einzige, die man gefunden hat und die in ein Krankenhaus gebracht wurde. Aber es wurden sonst keine Leichen oder Verletzten gefunden. Was also ist jetzt tatsächlich passiert? Das Paar und das Haus scheint es nicht gegeben zu haben, vielleicht auch nicht das Dorf mit den Knochen. Vielleicht ist nichts davon passiert und Vigdís Verstand versucht so, den Tod ihrer Freund zu verarbeiten. Aber hat es die überhaupt gegeben? Es wurden ja keine Leichen gefunden, doch Vigdís behauptet auch, ihre Freunde seinen in der Felswand gefangen. Soll das jetzt Horror sein und wir haben es mit einer Menschen fressenden Feslwand zu tun oder ist sie ein Fall für die Geschlossene? Und wieso fährt man überhaupt bei Nebel mit Vollgas in eine Felswand?? Ach so, klar, weil es die Geschichte sonst nicht geben würde...

~*~ SPOILER ENDE ~*~

Ich fasse einmal kurz zusammen, warum dieser 'Thriller' für mich der Flop des Jahres ist, denn es ist bei Weitem nicht nur der abstruse Plot, dem ich jetzt so viel Aufmerksamkeit gewidmet habe.

1. Die Figuren sollen wohl vielschichtig und tiefgründig sein, letztendlich ist es aber doch nur wieder ein Haufen emotional kaputter, total unsympathischer Charaktere, zu dennen ich keinerlei Verbindung aufbauen konnte. Zudem erfährt man viel zu viel über ihre ach so schrecklicke und traumatische Vergangenheit. Sicher, das macht die Figuren plastischer, aber es macht das Buch auch Noch langweiliger. Mir war völlig egal, wer jetzt stirbt und wer überlebt. Es war nur schade um den Hund. 

2. Dieser blumige Schreibstil ist auf Dauer nicht nur anstrengend, er passt auch leider überhaupt nicht zum Genre, womit ich auch schon zum dritten Punkt kommen. 

3. Welches Genre wird hier bedient? Auf dem Cover steht Thriller, aber der Autor schmeißt nur so mit billigen Horror- und Splatterelementen um sich. Oder ist es, im Hinblick auf das Ende, doch eher ein Psychothriller? 

4. Warum mir der auf über 250 Seiten langweilige und auf 50 Seiten plötzlich eklige und abgedrehte Plot nicht gefällt, habe ich wohl schon ausreichend genug gefällt und auch warum ich das Ende so komplett unbefriedigend finde. 

Kurzum: ich habe dieses Buch einfach nicht verstanden. Überhaupt nicht.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so über ein Buch geärgert, weil es in meinen Auge die reinste Zeitverschwendung war. Normalerweise bin ich in meinen Kritiken auch nicht so direkt, aber nach der letzten Seite von diesem Buch war ich wirklich verärgert und diese Ärger musste ich mit dieser Rezension Luft machen. 

 


1 von 5 Punkten

Cover 1/2 Punkt, Idee 1/2 Punkte, Plot 0 Punkte, Figuren 0 Punkte, Sprache 0 Punkte

~*~ DVA ~*~ 304 Seiten ~*~ ISBN: 978-3-421-04697-0  ~*~ Paperback ~*~ 14,99€ ~*~ Aus dem Isländischen von Tina Flecken ~*~ 12. September 2016 ~*~











1 Kommentar:

  1. Hi 😊

    Ich habe es auch gerade gelesen und empfand es als ähnlich enttäuschend, vor allem das Ende ging meiner Meinung gar nicht, so einfallslos!

    Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich mit meiner Meinung nicht allein dastehe!

    LG
    Jessi

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